Buchrezension: „Gingitta – Ein Dorf in Algerien“ von Andrea Mohamed Hamroune


B.R.R.

Gingitta_Andrea_Hamroune

Die Autorin erzählt hier in ihrer gewohnt spitzzüngigen Art von ihrem Urlaub in Gingitta, einem kleinen Dorf in der Nähe von Skikda, im Nordosten Algeriens. Das Buch ist gefärbt von ihren Erlebnissen und ihren Gedanken. Es ist ihre Wahrheit von dem Algerien, wie sie es kennt. Ich kenne es ähnlich, aber doch etwas anders. Die „Missstände“, die sie hier für sich aufdeckt und identifiziert, kenne ich in dem Ausmaße nicht. Aber das bedeutet nicht, dass es lächerlich oder falsch ist. Im Gegenteil, es kann sehr aufschlussreich sein, über den Tellerrand seiner Erlebnisse hinauszuschauen, dass es da noch anderes gibt …

Beim Lesen dieses Buches kamen mir auch wieder längst vergessene Erinnerungen hoch. Die Familie meines Mannes lebt zwar in einer Stadt, was man mit dem kleinen Dorf nicht vergleichen kann. Aber ich erinnere mich, dass wenn wir durch kleine Dörfer gefahren sind, ich mir immer Gedanken um die Menschen gemacht und mich ernsthaft gefragt habe, wie die wohl so leben. Jetzt habe ich Dank dieses kurzweiligen Buches eine Antwort, wie man in kleinen Dörfchen leben kann.

Wer das algerische Leben überwiegend als Tourist und aus Hotels kennt, hat natürlich ganz andere Erlebnisse gemacht, ist vielleicht auch viel herum gekommen als immer nur in derselben Stadt oder dem gleichen Dorf zu sein. Das ist auch sehr interessant zu lesen, aber man muss nicht die Erlebnisse, die in diesem Buch beschrieben wurden, als eklatant abwerten.

Das Cover auf der Buchvorderseite zeigt das Ortseingangsschild am Straßenrand und die Buchrückseite zeigt eine Teilansicht auf das Dorf mit den typisch gebauten Häusern, die man überall in Algerien findet.

Die Autorin führt uns durch ihre Erlebnisse vor der Reise und auf der Reise. Ich fand es sehr interessant zu erfahren, wie sie mit ihrer Familie die Fahrt mit einer Fähre von Marseille nach Skikda erlebt hat.

Die typischen „Probleme“ mit dem kalten und nicht fließenden Wasser, das niemals-Allein-sein in Algerien – immer ist irgend jemand dabei, denn wenn man allein ist fühlt man sich laut den „Algerianern“ traurig und nicht wohl. Dass es Menschen gibt, die gern mal allein sind, ohne einsam zu sein, da eine Groß-Groß-Familie doch nochmal anders ist als das Leben in Deutschland, auch wenn man fünf Kinder hat, ist für sie, die Algerianer, manchmal schwer zu verstehen. Übrigens eine coole Wortschöpfung, Algerianer!

In Algerien führt man einfach ein anderes Leben. Wie kreativ die Algerier in allem sind. Aus nichts können sie so viel machen. Das finde ich schon bewundernswert und kreativ. Und dann sind sie gleichzeitig so stur und gefangen in ihrem Denken und ihren Traditionen. Weil man das schon immer so gemacht hat. Eben wie aus dem geschlachteten Schaf keinen Braten sondern nur gekochtes Fleisch zu machen. Oder Ernst, die Fledermaus, eiskalt mit dem Besen zu verjagen anstatt ihn zu lassen.

Das Leben in Gingitta scheint sehr langweilig zu sein, wenn man sich nicht den ganzen Tag mit Kochen oder Backen beschäftigen will. Ich würde, soweit möglich, ganz viel lesen und schreiben. Ich habe immer Notizbücher und Bücher dabei, aber mit einem Mann und fünf Kindern ist Gepäcksplatz sehr begrenzt. Zumal mit diesem Mann.

Die Autorin schreibt nicht nur über das Leben in Gingitta, sondern allgemein über das Leben in Algerien, über Politik und Kultur. Dass man dabei auch auf den Präsidenten Bouteflika zu sprechen kommt, ist ganz normal. Denn er scheint überall zu sehen zu sein und die Menschen sprechen über ihn.

Auch der Islam hat seinen berechtigten Platz in diesem Buch. Vom Islam macht sie eine Brücke zur Bildung. Es ist eben bei allgemein arabischen, im speziellen algerischen Menschen so, dass sie sich nicht viel aus Büchern machen und sich ihr Wissen aus dem Internet holen. Das kommt aber auch wieder darauf an, wie sehr eine Person an Wissen und Lernen interessiert ist und wo diese Person lebt. Die dörflichen Bauern interessiert natürlich viel mehr, dass die Tiere Milch und Eier geben und das Obst und Gemüse wächst. Sie sind halt zu praktisch veranlagt.

Das Buch hat mich sehr berührt, es hat mich sehr unterhalten und am Ende des Buches habe ich die Wehmütigkeit des Abschieds gespürt und selbst ein paar Tränen vergossen. Ich fühle, mein letzter Besuch in Algerien liegt schon zu lange zurück und die Sehnsucht nach diesem Land und meinen Lieblingsmenschen dort beginnt wieder zu wachsen.

Darum bekommt die Autorin ein großes Dankeschön von mir für dieses Buch.

 

 

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